Murer – Anatomie eines Prozesses

Mittwoch, 21. November 2018, 19.30 Uhr:

Regie 6 Drehbuch: Christian Frosch
Kamera: Frank Amann
Musik: Anselme Pau
Darsteller: Karl Fischer, Karl Markovics, Alexander E. Fennon, Roland Jaeger, Mathias Forberg

A/LUX 2017, 137 Min.


Was sich zwischen dem 10. und 19. Juni 1963 am Grazer Straflandesgericht zuträgt, gehört zu den größten Justizskandalen der Zweiten Republik.

Franz Murer, geachteter Landwirt im obersteirischen Gaishorn und verdienter Funktionär des ÖVP-Bauernbundes, ist von seiner Vergangenheit eingeholt worden.
Der „Schlächter von Wilna“ war als Stellvertreter des deutschen Gebietskommissars für die jüdischen Angelegenheiten dafür verantwortlich, dass die jüdische Bevölkerung von Vilnius zwischen 1941 und 1943 von 80.000 auf rund 700 dezimiert wurde.
Nach dem Krieg kehrt Murer in die Steiermark zurück, wird dann an die Sowjetunion ausgeliefert, die ihm 1948 in Vilnius den Prozess macht und ihn zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Im Zuge des Staatsvertrags kommt er 1955 zurück nach Österreich, wird aber – entgegen den Vereinbarungen des Staatsvertrags – von der Justiz nicht weiter verfolgt.
Simon Wiesenthal entdeckt eher zufällig, dass Murer seit damals in Gaishorn lebt; er erreicht erst 1962, dass Murer nun auch in Österreich der Prozess gemacht wird. Überlebende der Shoah reisen an, um als Zeugen auszusagen – vergebens. Ungeniert und von der allgemeinen latenten bis offenen antisemitischen Stimmung getragen, behauptet Murer vor Gericht, er könne sich an nichts erinnern, es gäbe eine Verwechslung um seine Person. Auch in den Zentren der großkoalitionären Macht will man die dunklen Kapitel der eigenen Geschichte endgültig abschließen.
Der Prozess endet - trotz erdrückender Beweislage - mit einem Freispruch.
Franz Murer verlässt, bejubelt und gefeiert, das Gericht als freier Mann und lebt bis zu seinem Tode 1994 unbehelligt auf seinem Hof.

Regisseur Christian Frosch erzählt anhand der originalen Gerichtsprotokolle die Verhandlungstage mit 73 Sprechrollen in dichten Passagen und der stets intensive Nähe erzeugenden Kamera von Frank Amann nach. In Hintergrundsequenzen und Parallelsträngen im Umfeld des Prozesses werden die Protagonisten – TäterInnen, Opfer, Zusehende – zu einer erschütternden Bestandsaufnahme des Zeitgeists der frühen 60er Jahre kombiniert.

„Murer – Anatomie eines Prozesses“ wurde bei der Diagonale 2018 mit dem Großen Spielfilm-Preis ausgezeichnet.
Karl Fischer überzeugt mit seiner Darstellung der Titelfigur, Karl Markovics ist in der Rolle von Simon Wiesenthal zu sehen.

Diskussion mit Karl Fischer und Dr. Johannes Kammerstätter nach dem Film.
 

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