Elfriede Jelinek - Die Sprache von der Leine lassen

Mittwoch, 15. Februar 2023, 19.30 Uhr:

Regie: Claudia Müller
Drehbuch
: Claudia Müller
Kamera: Christine A. Maier
Musik: Eva Jantschitsch
Darsteller
: Elfriede Jelinek, Sophie Rois, Stefanie Reinsperger, Sandra Hüller, Martin Wuttke

AT 2022, 96 Min.

Als Elfriede Jelinek, 1946 in Mürzzuschlag geboren, 2004 den Literaturnobelpreis verliehen bekam  „…für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen“, traf sie die Ablehnung ihrer Heimat mit voller Wucht. Viele missgönnten der „Nestbeschmutzerin“, die Alltagsfaschismus verurteilte („Pflicht, nicht zu schweigen“) oder mit ihren feministischen Anliegen das (Nachkriegs-)Patriarchat verärgerte, den renommierten Preis. Seither gibt sie keine Interviews mehr, hat aufgehört, sich und ihr Schreiben zu erklären.

Die deutsche Regisseurin Claudia Müller hat Aufnahmen und Interviews aus fünfzig Jahren gesichtet und zusammengetragen und daraus eine eher thematisch als chronologisch angeordnete Bild-Ton-und-Sprach-Collage komponiert.

Jelineks Selbstauskünfte aus Interviews wechseln sich ab mit ihren Texten. SprecherInnen wie Sandra Hüller, Stefanie Reinsperger, Sophie Rois oder Martin Wuttke lesen diese in einer so unaufdringlichen, oft fein humorvollen Weise, dass Jelineks Texten plötzlich ihre viel beschworene Rätselhaftigkeit abhanden kommt. Sie erscheinen hier eher als ein zart versponnenes, aber logisches Gewebe. Der filmische Bilderstrom verhält sich dazu assoziativ. Es sind Kamerafahrten durch von Nebel oder Schnee verhüllte Landschaften aus der Steiermark zu sehen, wo Jelinek als Kind die Sommer verbrachte. Private Fotos, dunkle Straßen, Skigebiete, Stadtaufnahmen aus Wien, das Burgtheater. Da ist die unduldsame, höchst ehrgeizige, katholische Mutter, die ihrem einzigen Kind einen täglichen Drill an Musikschulen und Konservatorien auferlegt. Der jüdische Vater, dessen Familie im Holocaust ermordet wurde, ein genialer Wissenschaftler, der die Tochter krankheitsbedingt nicht schützen oder stärken kann. Jelineks früher literarischer Erfolg. Ihre zur "lieben Angewohnheit" werdenden Zusammenbrüche aufgrund einer Angststörung. Ihre radikale Einsamkeit.

„Ich bin allerdings die Einzige in meiner Nähe.“

Fotos © Polyfilm
 

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